Die Sonne lacht mir ins Gesicht. Und ich lache zurück. Lache hinauf, in dieses helle Licht. In die Wärme. In diese verfluchte Hitze. Meine Augen brennen. Ich beginne, weiße Sternchen zu sehen. Hier und da. Tanzen sie über mein Sichtfeld. Einen Tango. Eins, zwei, drei und vier. Eins, zwei, drei und vier. Oder so. Ich muss zugeben, ich habe keine Ahnung. Denn ich tanze für gewöhnlich nicht. Und würde ich es tun, dann doch vermutlich keinen Tango. Denn der steht mir nicht an. Zu leidenschaftlich. Zu lebendig. Zu..., ach, lassen wir das.
Zu lebendig. Das triffts ganz gut. Denn der Tag ist wirklich verdammt lebendig. Es ist sonnig. Der Sand des Strandes knistert unter meinen Hufen. Die Wärme des Sommers umschmeichelt meinen Körper ebenso, wie die zehntausend Fliegen und Mücken, die mich plagen wollen. Einmal mehr verteufle ich, dass ich in eben diesem Körper manifestiert wurde. In einem Pferdeleib. Weiß Gott, es hätte Anmutigeres gegeben, als im Körper eines Gauls fest zu stecken. Aber nun gut, so ist es.
Und ich irgendwie ist es ja auch gut so. Gut. Alles ist gut. Denn ich bin wieder da. Hier. In diesem Tal. Habe meine Wanderschaft beendet. Die Welt ein wenig besser kennen gelernt. Das Stillreich verlassen und bin wieder zurückgekehrt. Und nun erlebe ich, selbst jetzt noch, zurückgekehrt in meine Heimat, neue Dinge, Abenteuer. Denn fürwahr, an diesem freudigen Ort bin ich nie gewesen. Habe Friedhof, Höhlen und Nebelfelder gesehen. Doch die Korallenbucht? Mit ihren ätzend farbigen Korallen, dem Blau des Meeres, dem hellen Sand und all diesen Dingen? Nein, nie gesehen. Ich dachte auch immer, dass mich das nichts angeht. Nicht interessiert. Doch jetzt, hier angekommen, blicke ich mich um und muss zugeben: es ist gut hier. Schön hier. Irgendwie ja auch angenehm. Auf eine absurde Art und Weise. So absurd ein heller, freundlicher Ort eben sein kann für jemanden, der helle und freundliche Orte in der Regel umgeht.
Ich seufze tief und bleibe stehen. Spüre, wie meine Hufe im heißen Sand ein wenig einsinken. Und werfe einen Blick aufs Meer. Lasse mich von der Sonne, die mein helles Fell zum Schimmern bringt, bescheinen. Ich bin mir absolut sicher, dass ich aussehe, wie ein Heiliger.
Wörter: 412
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I don't - believe in God - anymore
My sky - is falling down - darkness falls
Walk with me - in agony
Fuck you! You let me down!
I am ghost - I am the walking dead!
Auch wenn die erste Begegnung hier nicht ganz so gelaufen war wie Jawaria sie sich vielleicht hätte vorgestellt, sie ließ sich nicht unterkriegen und hatte außerdem feststellen müssen, dass da etwas in ihr vorgehen wollte was sie nicht zuordnen konnte. Sie hatte also beschlossen etwas weniger beengte Gefilde aufzusuchen um so die Umgebung besser im Auge behalten zu können. Sie hatte ehrlicherweise keine Lust direkt eine neue fiese Bekanntschaft zu schließen. Der Gedanke entlockte ihr ein jugendlich, genervtes Schnauben und dann war da auch kurzzeitig wieder dieses Gefühl. Kalt, eisig… Dabei war es nicht kalt, geschweige denn auf irgendeine Art und Weise eisig. Kein Schnee der vom Himmel fiel, kein Schnee der lag und auch das laue Lüftchen das durch ihr rabenschwarzes Haar pfiff, war alles andere als eisig. Ihr schwarzes Fell sog die Wärme der Sonne nur so in sich auf und die junge Stute war sich vielleicht kurzzeitig nicht sicher ob es nicht doch besser gewesen wäre weiter im Schatten des Waldes zu verweilen. Aber sie würde ins kühle, blaue Nass treten und sich abkühlen wenn ihr die Hitze negativ auf ihr Gemüt schlagen sollte. Die Umgebung als solche jedenfalls war schön anzusehen.
Und dann blitzte da etwas im Augenwinkel auf. Wie eine Glasscherbe die das Licht der Sonne brach und die Rappstute anblinzelte. Als sie ihren Blick zum Ursprung des Lichtspiels herumnahm, stockte sie in ihren Bewegungen und beäugte den Ursprung skeptisch. War ihr die Hitze vielleicht doch in den Kopf gestiegen? Oder der aufgeheizte Sand spielte ihren Augen einen Streich! Die eisig blauen Augen verengten sich und versuchten die Gestalt zu fixieren von der das Schimmern ausging. Es war als trafen zwei Gegensätze aufeinander. Wie schon am Wasserfall, wurde die Stute von ihrer Faszination gegenüber dem Entdeckten regelrecht angesogen und setzte wieder einen Huf vor den andren. Als sie der Gestalt näher kam musste sie feststellen, dass es sich um ein ebenso zierliches Pferd zu handeln schien.
Abermals kam die Stute ins Stocken und beäugte den Hengst mit einer vorerst großen Portion Respekt und Abstand. So hatte sie genug Zeit zu reagieren … vielleicht. “Bist du ein Pferd? Ein Pferd wie ich?”, fragte sie die Erscheinung vorsichtig. Ihre Nüstern verrieten ihr inzwischen immerhin, dass es sich wieder einmal um einen Hengst handelte. Die waren hier offenbar mit Vorsicht zu genießen.
Ich habe die Augen geschlossen, genieße ein wenig, wie die Sonne sich mir durch die geschlossenen Lider auf die Netzhaut brennt. Als ich meine Augen wieder öffne, ist da ein heller Schleier über allem. Kleine Flecken tanzen darauf. "Hach, wie schön", seufze ich, schüttle dann den Kopf, um diese Biester von Fliegen für den Wimpernschlag einer Sekunde zu vertreiben.
Ich sehe mich um, entdecke die dunkle Stute jedoch zu spät. Erst als sie mich anspricht, zucke ich zusammen und richte den Blick meiner beinahe weißen Augen auf sie. "Blau", japse ich auf, denn es ist das erste, was ich wahrnehme. Ihre Augen sind von einem stechenden Blau, dass der See in der Bucht Konkurrenz macht.
"Ich, ähm....", setze ich an, spreche jedoch nicht weiter. Ob ich ein Pferd bin? Ja, gute Frage. Hey, Oberstübchen!, rufe ich nach der Stimme, die in all den Jahren immer mal wieder in meinem Kopf lebte, nun aber seit geraumer Zeit schweigt. Ober-Stübchen! schreie ich in Gedanken noch einmal, doch die Stimme - die Vernünftigere von uns beiden - bleibt stumm. Ich bin auf mich gestellt. Ohne die raffinierte und vernunftbegabte Stimme in meinem Kopf mangelt es mir an Eloquenz. Ich schüttle und nicke daher nur gleichzeitig mit dem Kopf, was dazu führt, dass ich seltsam anmutende Bewegungen ausführe, die mein Gegenüber vielleicht dazu verleiten zu denken, dass ich körperlich beeinträchtigt sein könnte.
"Ja, also nein, also ja. Also ja. Also nein. Also... also...", druckse ich herum, sehe dann - so gut es mit diesem Körper halt geht - an meinen Beinen herab, wende mich, sodass ich meine Flanke betrachten kann. Ich wedle einmal, zweimal mit dem Schweif und trete mit den Hufen auf. "Hufe dran. Schweif dran. Ja, ich bin ein Pferd. Also, auch ein Pferd. So wie du. Oder auch nicht. Weil du bist schwarz. Und ich...", noch einmal wende ich mich. "Ich bin nicht ganz so schwarz." Was angesichts meiner beinahe transluzenten Fellfarbe die Untertreibung des Jahrhunderts sein dürfte.
Wörter: 392
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Blau? Jawarias Blick verriet, dass sie einen ganz kurzen Moment überfordert war mit seiner Aussage. Dann aber verstand sie und blinzelte entzückt darüber, dass ihm ihre Augen als erstes aufgefallen waren. Aber für sie waren ihre blauen Augen nicht unbedingt ungewöhnlich. Der Zusammenhang zwischen ihren blauen Augen und diesem eiskalten Gefühl, der bleib noch aus bei der jungen Stute.
Als der ungewöhnliche Hengst dann auch noch ganz und gar “ungewöhnlich” auf ihre Frage antwortete, oder vielmehr versuchte zu antworten, drehte sie ihre Ohren etwas unsicher nach hinten und auch ihre eisblauen Augen verengten sich. Sie wollte dem ganzen nicht trauen und so war ganz und gar jeder Muskel und jede Faser im Körper der Stute in Hab-Acht-Stellung. Hätte sie es nicht besser gewusst, hätte sie gesagt das sich hier Geist und Körper nicht ganz einig sind.
Hufe dran - die Stute nickte, Schweif dran - sie nickte abermals, und war gerade dabei sich wieder ein winzig klein bisschen zu entspannen, da stellte er sein eigenes Sein wegen der Fellfarbe doch nochmal in Frage. Eines ihrer Ohren war wieder auf ihr Gegenüber gerichtet und ihr Haupt hob sie etwas an, blickte ihn gar fast herablassend und distanziert an bevor sie wieder ihre Stimme erhob. “Entweder du bist ein hervorragender Schauspieler und brichst gleich in Gelächter aus weil du, ach so lustig sein wolltest, oder aber du hast echt einen an der Klatsche.”
Mit langem Hals blickte sie nochmal links und rechts an ihm vorbei. Mal abgesehen von dem doch wirklich gegensätzlichen Fellkleid das er trug, schien er doch ein Pferd zu sein. Ob der Hengst verrückt war? Zu lange in der Sonne vielleicht? “Du bist ganz und gar nicht schwarz. Was aber nicht heißt, dass du kein Pferd bist, denn Pferde können doch alle möglichen Fellfarben haben. Oder siehst du das anders?”
Meine Ohren zucken, mein Schweif schlägt einige dieser lästigen Fliegen ins Nirvana, ich entlaste ein wenig und kippe den rechten Hinterhuf an. Mein Blick tastet sich über das Anlitz der Stute. Ich beobachte ihre Regungen und erkenne - zumindest glaube ich, es zu erkennen - dass sie angespannt ist. Und meine Lippen formen unwillkürlich ein sichtes Lächeln. Denn ihre Anspannung erinnert mich an jene Zeiten meines Lebens, als ich noch als Schrecken dieser Gefilde galt. Ein Dämon. Ein Geist. Einer, den alle kannten. Einer, den alle fürchteten. Doch diese Stute weiß nicht, wer ich bin. Und ihre angespannte Haltung mag schmeichelnd sein, ist jedoch nicht annähernd das, was gebührend wäre.
Als sie spricht, neige ich meinen Kopf und trete einige Schritte auf sie zu. Ein Schauspieler...., murmle ich und neige den Kopf nach links. Oder einen an der Klatsche, wiederhole ich und neige den Kopf nach rechts. Ich bin ihr so nahe. Ich spüre ihren Atem an meinen Nüstern. Normalerweise ein Zeichen tiefer Vertrautheit innerhalb dieser niederen Spezies. Doch in diesem Moment ganz eindeutig eine Grenzüberschreitung.
Was, wenn ich dir sage, dass weder noch zutrifft? Was, wenn ich dir sage, dass du einem schrecklichen Irrtum unterliegst? Dass du eines der gefährlichsten Wesen dieses Tales unterschätzt? Ich rücke noch etwas näher, bis ihre faszinierenden Augen mein Gesichtsfeld gänzlich ausfüllen. Alles ist blau.
Wörter: 269
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Die Nachtschwarze Stute hatte nach ihrer ersten Begegnung mit einem der Hengste hier aus dem Tal allen Grund für etwas Anspannung. Und trotzdem war sie jung, neugierig und wenn man die Hintergründe näher betrachtete, dann traf der Punkt der Naivität wohl zu. Vielleicht war es auch noch die junge Unbeschwertheit, denn etwas wirklich und wahrhaftig böses war ihr noch nicht widerfahren. Wenn sie von den “Geschichten” um das Tal, um seine Vergangenheit, gehört hätte, vielleicht wäre sie dann gar nicht erst derart unbeschwert auf den Unbekannten zugegangen.
Ihr stockt fast der eisig kalte Atem als er ihr näher kommt, gepaart mit seiner überaus verwirrenden Art sich zu bewegen und auszudrücken. Das Herz in ihrer Brust schlägt unweigerlich schneller, obwohl ihr Atem deutlich langsamer geht. Kalt, gar eisig, und sie selbst spürte kaum mehr die Sonne auf ihr schwarzes Antlitz brennen. Fast so als würde jeden Moment Dampf aufsteigen weil die Sonne versuchte die schwarze Eisblume zum schmelzen zu bringen.
Und dann hielt sie ihren Atem wahrhaftig für einen langen Moment an, den Moment in welchem Faith ihr noch weiter bedrohlich näher kam und wirkte als blicke er ihr tief in ihre eisblauen Augen. Und doch war sie so fasziniert von seinem Auftreten, dass sie das instinktive zurücktreten unterbinden konnte und mit einem tiefen, kalten Schnauben das Luftholen begann. Dann schleicht sich ein amüsiertes Funkeln in ihre blauen Augen, bevor sie mit zartem Hauchen antwortete. “Dann bist du doch ein Schauspieler wenn ich den Lügner in ein hübsches Wortkleid verpacke!” Und anstatt vor ihm zurück zu weichen, war sie nun die die ihren Kopf erst zur einen und dann zur anderen Seite neigte, bevor sie an ihm vorbei schritt, elegant, erhaben, und ihn und sein Fellkleid interessiert musterte. Wenngleich die Anspannung noch nicht von der Stute weichen wollte und ihre Ohren und Augen ihn aufmerksam beobachteten. Ihre Muskeln darauf vorbereitet auf jede ihr erdenkliche Reaktion des Hengstes zu reagieren. Ob nun rechtzeitig oder nicht, sie war darauf vorbereitet und drehte so ihren Kreis um ihn.
Für einen Augenblick komme ich ihr so nahe, dass ich ihre Wärme spüre und sie meine Kälte erahnen können muss. In mir schlummert kein Leben, also kann die Hitze des Lebendigen auch nicht meinen Körper wärmen. Doch sie, sie ist warm. Auch wenn ihre kühlen Augen eine andere Empfindung versprechen. Ich beobachte sie amüsiert und neugierig. Denn ich genieße es, dass sie vor mir nicht zurückschreckt. Genieße, dass sie nicht - wie all die anderen - vor Angst die Hufe schwingt und im tobenden Galopp vor mir flüchtet. Ich sehe, wie angespannt sie ist. Sehe, dass sie unter ihrer kühlen Fassade bebt. Doch sie widersteht dem Drang, zurückzuweichen. Und ihre Worte unterstreichen ihren Stolz, ihren Übermut, ihre Gelassenheit - wie auch immer man es zu nennen vermag. Und ich kann nicht anders, als sie zu bestaunen und in diesem Moment meinen nicht vorhandenen Hut vor ihr zu ziehen.
Ich mag, wie wortgewandt sie reagiert. Mag das Spiel mit Silben und Morphemen. Wie hübsch. Wie nett. Wie anders. Ich antworte nicht, bestaune sie nur. Auch dann noch, als sie an mir vorbei läuft, nein, tänzelt. Denn jede ihrer Bewegungen ist elegant.
Und doch. Etwas in mir will, dass sie weiß, womit sie es zu tun hat. Will, dass sie es spürt. Dass sie mich nicht unterschätzt. Nicht, weil ich ihr tatsächlich etwas antun will. Gott, bewahre! Sie ist viel zu faszinierend, als dass ich ihr auch nur ein Haar krümmen würde. Beinahe wie Liesel. Doch mein Stolz gebietet mir, ihr eine Kostprobe dessen zu geben, woran sie nicht zu glauben scheint.
Ich wende mich ihr wieder zu, hole sie ein, bringe meinen Körper ihrem nahe. Meine Nüstern an ihre gelegt, atme ich aus. Die Luft um uns herum kühlt sich rapide ab. Aus dem Spätsommer wird eiskalter Winter. Und an der Stelle, an der sich unsere Nüstern berühren, bildet sich Frost. Nicht so schlimm, dass ich ihr weh tue. Doch so, dass die Kälte ihr in die Haut beißt. "Ich bin der Tod", hauche ich. und meine Iriden glühen für einen kurzen Augenblick kalkweiß wie mein Fell.
Wörter: 420
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Kälte, so waren sie sich doch in gewisser weise ein Quäntchen ähnlich. Ihr war nicht wirklich bewusst geworden, dass da auch eine Kälte von Faith aus ging, dass er “nicht lebendig” war. Ihr Körper lernte gerade sich selbst kennen, die Kälte, das Spiel mit dem Eis, sodass ihr dieser ungewöhnliche Teil an Faith nicht aufgefallen war. Noch nicht…
Und er? Er reagierte nicht weiter und Jawaria war bereits ein klein wenig stutzig geworden. War er so ein gelassener Geselle? So ein ruhiger Charakter? Ruhig weil er mit sich selbst nicht im Reinen war? Aus seiner Art und auch seinem Verhalten ihr gegenüber wurde die junge Stute auf jeden Fall im ersten Moment nicht schlau. Und sein Verhalten war nicht alarmierend genug um sie davor abzuschrecken mit all ihrer Anmut, gepaart mit Mut und Leichtsinn, um ihn herum zu gehen und seine fahle Erscheinung zu mustern.
Auf ihrem Weg um Faith herum konnte sie regelrecht spüren wie sich seine Gedanken änderten und auch wenn jeder Muskel nur darauf wartete seinen Einsatz zu finden, aber sie reagieren nicht als er sich plötzlich ihr zuwandte und seine Nüstern die ihren berührten. Sie reagierten nicht weil es eisig kühl geworden war und das obwohl die Sonne eben noch auf ihr rabenschwarzes Fell brannte. Und dann schreckte sie zurück.
Ihre Ohren klappten abrupt an ihren Hinterkopf und sie wich gut eine halbe Pferdelänge zurück. Auch ihre Augen leuchteten auf, allerdings in ihrem saftigen Blau. Und mit einem Schnauben antwortete sie auf seine Aussage er wäre der Tod.
Noch ein kleines Stück wich sie zurück, verlor dabei aber nicht an Größe und Anmut. Ihr Atem ging schwer, ihr Herz klopfte wild gegen ihre Brust und die Kälte wich nicht aus ihren Gliedern. Jetzt allerdings war sie sich nicht mehr sicher ob sie selbst es war welche sie zum frösteln brachte oder ob das Ganze ein Nachspiel des fahlen Hengstes war. Die junge Eisblume war erschrocken, vielleicht kurz verängstigt, aber ihre Gedanken beruhigten sich wieder nach wenigen Minuten des Schweigens. “Der Tod hat also ein Gesicht!”, bemerkte sie kurz emotionslos, richtete ihre Ohren wieder auf. “Wieso wählt der Tod die Erscheinung eines Pferdes?”
Ich halte den Atem an, als sie um mich herum tritt. Ihr Körper ist meinem nahe. So nahe, dass ich sie beinahe spüren kann. Die Härchen meines Felles stellen sich ein wenig auf, ein Schauder fährt meinen Rücken herab. Und ich muss dem Drang widerstehen, ihr mit meinen Blicken zu folgen. Sie mag mir nichts anhaben können - glaube ich zumindest - und doch macht es mich nervös, zu wissen, dass sie hinter mir steht und ich ihre Handlungen nicht erkennen kann. Ihre Absichten.
Doch dann steht sie wieder vor mir und die Berührung, die ich initiiere, lässt sie endlich erwachen. Erwachen aus ihrer Unwissenheit, mit wem, nein, mit was sie es zu tun hat. Ich beobachte sie neugierig und als sie deutliches Erkennen zeigt, bin ich mir unsicher, ob es mich freut oder doch eher ärgert Doch der Schock, der von ihrem Körper Besitz ergreift, währt nicht lang. Ich neige mein Haupt anerkennend, als ich erkenne, wie sie sich fängt. Statt die Hufe in die Hand zu nehmen, scheint sie zu akzeptieren, was unweigerlich wahr ist - auch wenn es schwer zu fassen scheint.
"Der Tod hat viele Gesichter", belehre ich sie, denn diese Falschaussage kann ich natürlich nicht stehen lassen. In all den vielen Äonen, die ich gelebt oder auch nicht gelebt habe, hatte ich viele Gesichter. An die damit verbundenen Geschichten erinnere ich mich nur vage. Vielleicht war das auch nicht ich. Vielleicht ist Tod eine Bestimmung, die vererbt wird und immer wieder neue Körpern, neue Individuen ergreift. Die Grenzen zwischen mir und dem Ich der Geschichte verschwimmen. Doch ich weiß, wer ich bin. Zumindest hoffe ich das. Und ihre nächste Frage ist nicht unberechtigt. Ich selbst habe mich oft gefragt, warum gerade ein Pferd. Doch es ist dem Tod eigen, immer mal wieder sein Konzept zu ändern. Seinen Leib. Und ein Pferd erschien mir damals, als ich die Wahl traf, treffend. Ein Pferd lebt eng mit den Menschen zusammen. Viele dieser Zweibeiner schwören darauf, dass ihre Pferde ihre Seelenverwandten sind. Und die Menschen waren in jener Zeit, da ich mich entschied, die vorherrschende Rasse dieser Welt. Sind es wohl immer noch, nur nicht in diesem Landstrich. Einer von ihnen konnte ich nicht werden, diese Form war mir versagt gewesen. Doch ein Pferd? Es hatte Zugang zu den Menschen, konnte ihnen einflüstern. Und nicht zuletzt sehen Pferde sehr schick aus, das muss man schon auch zugeben. Und mit ihren langen Gliedmaßen können sie herausragend laufen. Das hat mir imponiert.
Das einzige Problem: Meine Wahl habe ich getroffen ohne das Wissen, dass ich in diesem Leib würde verharren müssen bis zum Sanktnimmerleinstag. Doch all das muss die Fremde ja nicht wissen. Noch nicht. Vielleicht erweist sie sich auch durchaus der Wahrheit würdig. Also belasse ich es bei einer Halbwahrheit. "Weil Pferde hübsch sind. Als kleiner Tod habe ich die Wendy-Zeitschriften geliebt. Kennst du die?" Verschmitzt grinse ich sie an und bin mir absolut sicher, dass sie die Wendy ganz sicher nicht kennt. Und auch ich kenne dieses Phänomen erst seit ein paar Jahren, denn damals, als ich diese Form annahm, waren Zeitschriften noch weit entfernte Zukunftsmusik. Aber auch das musste sie zu diesem Zeitpunkt nicht wissen.
Wörter: 598
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Ob ihr die ganze Szenerie wirklich bewusst und real in ihrem Kopf erschien? Es war wohl eher so ein Moment in welchem Menschen sich fragten ob man sie nicht eben mal in den Arm kneifen konnte. Die junge Stute war gleichermaßen irritiert, wie fasziniert und deshalb neugierig. Die Neugier überwog der Angst, weshalb sie nicht eine Sekunde daran gedacht hatte “die Hufe in die Hand zu nehmen”. Sie war erschrocken, definitiv hatte er sie erschreckt. Aber erzählte er die Wahrheit? War, was sie eben gefühlt hatte, wirklich von ihm ausgegangen? Und war das nicht etwas ähnliches was sie selbst auf den Plan rufen konnte?
Tief in ihren blau leuchtenden Augen, welche den fahlen Hengst fasziniert und mit Vorsicht fixierten, konnte man die sich überschlagenden Fragen in ihrem Kopf erkennen. Aber sie hatte sich zusammengerissen und ihm nur eine Aussage und eine Frage an den Kopf geworfen. Seine Antwort war allerdings wenig spektakulär und ein klein wenig Enttäuschung schlich sich in ihre Züge.
“Genau, der Tod hat viele Gesichter und ich blicke in das eines Pferdes. Wir sind erhaben, elegant, schnell, wendig… sicher ist die Wahl, wenn du sie denn freiwillig getroffen hast, ganz HÜBSCH. Und vielleicht ist die Wahl überraschend weil sich, trotz der vielen Gesichter, niemand den Tod in Gestalt eines Pferdes vorstellt. Pferde sind ganz und gar nicht unbedingt gefährlich und… assoziieren wir nicht alle den Tod mit etwas gefährlichem?” Jawaria schien über ihre eigenen Worte nachzudenken und hatte ihren Blick einen Moment gedankenverloren abgewandt ehe sie ihn wieder ansah, schnaubte und den Kopf schüttelte. “Wer ist Wendy und was ist eine Zeitschrift? Ich kennen sie nicht und denke sie ist unwichtig!”, brummte die junge Stute und war sich zwar im Klaren darüber, dass sie noch lange nicht die ganze Welt gesehen hatte oder kannte, aber das Wort Zeitschrift auch keines aus dem Alltag eines Pferdes gebräuchliches war.
Zwischenzeitlich hatte sich ihr Atem und Herzschlag wieder etwas beruhigt. Dazu hatte unter anderem sein Grinsen beigetragen, dass ihn gleich nicht mehr so erschreckend wirken ließ. Weshalb sie nicht weiter zurück wich, aber auch nicht wieder näher an ihn heran trat. Langsam konnte sie die Hitze der Sonne auf ihrem schwarzen Fell wieder spüren und das Blau ihrer Augen war zwar grundsätzlich intensiv, aber lange nicht mehr so am Leuchten wie eben als sie erschrocken war.
Ihr Blick schweifte nun auch wieder beiläufig über die Umgebung die sie in der kurzen Aufregung völlig außer acht gelassen hatte. DAS war unter anderem das “Gesicht des Todes” für Ihresgleichen. “Also der Tod trägt das Antlitz eines Pferdes weil er es hübsch findet. Klingt nicht besonders plausibel aber ich werde mich damit abfinden wenn du mir keine bessere Antwort darauf hast. Oder… bist du einfach nur verrückt?” Jawaria senkte ihr Haupt ein wenig und reckte die Nüstern vorsichtig in seine Richtung. Ihre blauen Augen verengte sie leicht und beäugte ihn so abwägend. “Was tust du hier als Pferd und wieso sollte ich dem Tod begegnen? Hat das etwas zu bedeuten?” Nach einem kurzen Schnauben richtete sie sich wieder weit auf. Auf keinen Fall wollte die Rappin klein und gebrechlich wirken. Das war sie nicht. Zumindest in ihrer Vorstellung nicht.
Meine Blicke sind auf die Stute gerichtet. Ich versuche, abzuschätzen, was sie denkt. Was sie fühlt. Ob sie mir Glauben schenkt, oder nicht. Doch als ein Rascheln im Gebüsch zu hören ist, wende ich meine Aufmerksamkeit von ihr ab und dem Rascheln zu. Einige Augenblicke später hopst ein junges Kaninchen aus dem Gestrüpp und sieht uns verwundert an. Erst mustert es die Stute und sein Antlitz bleibt ungerührt. Denn von einer Stute geht für ein Kaninchen keinerlei Gefahr aus. Zumindest in der Regel. Erst als es meiner Präsenz gewahr wird, zucken die Ohren. Doch ich halte still und so tut es das Karnickel. Um der Fremden, die es noch nicht für nötig erachtete, mir ihren Namen zu nennen, meine Macht zu demonstrieren, hätte ich das Kleinvieh ohne Mühen und mit dem Zucken eines Tasthaares töten können. Doch ich mag Kaninchen. Sie sind flauschig und so lebendig. Wenn man so lange lebt wie ich und so viel Leid gesehen hat, lernt man, die kleinen Dinge zu schätzen.
Daher lasse ich das Tierchen in Ruhe und richte meine Aufmerksamkeit zurück auf die Dunkle. "Nicht gefährlich? Puh. Du unterschätzt euch, uns meine ich. Warst du denn noch nie Zeugin eines dieser schweren Pferde? Ich glaube, die Menschen nennen sie Kaltblüter. So riiiichtig fett sind die. Also muskulös." Ich zeichne mit meinem Vorderhuf einen großen Kreis in die Luft. "Wenn die Hufe von so einem Vieh nicht gefährlich sind, na dann weiß ich auch nicht." Ich schüttle den Kopf. "Aber nichtsdestotrotz. Sei dir gewiss, dass die Wahl des Pferdes durchaus berechtigt war seinerzeit. Die Welt wird regiert von den Zweibeinern. Und die Pferde gelten als ihre engsten Gefährten. Nun ja, von diesen Spielzeugwölfen mal abgesehen." Ich nicke gedankenverloren.
"Und schade, dass du die Wendy nicht kennst. Die kleinen Menschenweibchen lieben sie! Ich fand sie wirklich auch toll. Weißt du, Zeitschriften. Das sind so Dinger aus Papier. In denen man blättern kann. Und wenn da bunte Bildchen von Pferden drauf sind - also niedlichen Pferdchen, nicht solchen wie uns -, dann ist das die Wendy. Und die erleben Abenteuer. Zu schön!", schwärme ich. Doch ich kann mir schon denken, dass die Fremde da keinerlei Bezugspunkte finden wird.
"Wie dem auch sei, ich bin hier, weil ich hier lebe. Dass nun gerade du mir begegnet bist, ist halt einfach Zufall. Ich will dir nicht ans hübsche Leder, liebe... Nun ja, wie auch immer du heißt. Das wolltest du mir ja bis jetzt nicht verraten", zwinkere ich ich hoffentlich keck zu. Doch ich vermute, ich wirke eher so, als hätte mich ein plötzlicher Schlaganfall ereilt
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19.11.2024, 11:58
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